text & pressearbeit

Der Name der Ausstellung ist Programm – während sich die Kunstszene Berlins von den Eindrücken einer ereignisreichen wie intensiven Art Week gerade noch erholt, eröffnen wir ein weiteres Ausstellungskonzept im Kunstherbst 2019.

Bei der Konstellation und mit dem Zeitpunkt der Ausstellung kokettieren die Ausstellungsmacher mit dem Titel AFTER HOUR, den es im eigentlichen Wortsinn gar nicht gibt und spielen zugleich mit jener Art Wehmut, die sich einstellt, wenn die Party eigentlich schon vorbei ist aber noch keiner nach Hause will.

Ihr kuratorisches Konzept zeigt eine gelungene Auswahl von Positionen des zeitgenössischen Konstruktivismus und Minimal Art, das in seiner Gesamtheit versucht, jene Sinne anzusprechen und Emotionen zu evozieren, die an den Flow einer Afterhour erinnern.Dabei liegt der Schwerpunkt der Auswahl der Arbeiten auf dem Zusammenspiel von Konstruktion und De-Konstruktion von Bildtechniken sowie puristischen Positionen, deren Augenmerk auf der äußeren Erscheinung liegen. Werke, die den Betrachter einzufangen versuchen, um ihn mit auf eine Reise zu nehmen – zu Bildorten, die ein Hier und Jetzt suggerieren, aber emotional jene Welten hervorrufen, die man betritt, wenn die Gegenwart einer Afterhour zu einem „Off“ verschwimmt.

Das Wegbrechen von Realitäten und sich wiederfinden im „Off“ zeigt sich zum Beispiel in der Arbeit von ISABELLE BORGES wieder, die einen „Raum nicht als leer, als einen Ort zwischen A und B“ versteht, „sondern eher als eine Art bewegten Gewebes, welches sich mehrmals gefaltet und sich drehend, in vielerlei Schichten und Verhältnissen unserer augengesteuerten Realität entzieht“.

Das Spiel mit der Wirklichkeit gipfelt in den Arbeiten von JENS HAUSMANN, der „mit einem domestizierten Hang zur Romantik“ seine Herausforderung darin versteht, sich in seiner „Bildsprache zu minimieren, das Allegorische zu vermeiden“ und sich wesentlich
mit „Proportionen und malerischer Übersetzung der Materialität der Gebäude zu beschäftigen. Das Gebäude soll selber die Erzählung sein“. Dabei verändert er die Proportionen zugunsten der Attraktivität des Gemäldes und verfremdet so die Realität.

Dem gegenüber stehen die dagegen fast schon brachial wirkenden Arbeiten von BRAM BRAAM, der mit dem Einsatz von Readymades eine „konstruierte Kontrolle“ zu verlassen versucht, um auf „die verbliebenen Nischen undefinierten Charakters“ unserer Stadt zu verweisen. Seine Werke, die wie ein dumpfer Aufprall nach einer Afterhour anmuten, sind das eher nihilistisch-melancholische Pendant zur Malerei von Alina Mann.

Die Werke von ALINA MANN, die vor Strahlkraft nur so strotzen, verweisen auf jene Welten, die an den lichten Farbrausch bewußtseinserweiternder Momente erinnern. Bestärkt und im Rhythmus einer stringenten, fast vorantreibenden Formensprache wirken die Bilder wie eine Erlösung.

In anderen Arbeiten, von OSKAR RINK etwa, lösen sich die klaren Formen und der stringente Duktus immer wieder auf oder überlagern sich und schaffen so multiple Dimensionen, die den Betrachter einladen, einen Weg in das Bild zu unternehmen, dessen Ende nicht in Sicht scheint.

Die androgynen, kühlen Werke von ERIK ESSO zielen auf unser Bewusstsein. Er spielt mit der Erweiterung unserer Wahrnehmungsfähigkeit durch Reduktion. Dabei bedient er sich verschiedenen Alltagsgegenständen, um diese dann in einer entfremdeten Formation so zu installieren, dass sich neue Realitäten bilden. Ob Kaltasphalt oder Glas – er transformiert spontane Gefühle wie beispielsweise Glücksmomente in hyperminimalistische Werke.

Bei JOHANNA KEIMEYER wird der Besucher eingeladen zu partizipieren – die direkte Erfahrung des Zusammenspiels von Kunst betrachten und erspüren, ist der Künstlerin wichtig, die sich selbst als „Erfahrungskünstlerin immersiver Erlebnisse“ beschreibt. Dabei geht es ihr darum, das individuelle innere Universum des Betrachters zu erwecken, um sich durch die Kunst seiner Identität zu stellen. Installationen, deren Hauptrolle nicht selten das Licht ist, entpuppen sich bei genauerer Betrachtung zum Spielzeug und provozieren im positiven Sinne einmal mehr, was die Ausstellungsmacher mit dem Terminus „Afterhour“ meinen, der in dieser Stadt zum guten Ton gehört.

text: rebekka csizmazia

Ethymologische Notiz:

Afterhour ist ein eingedeutschter Begriff des englischen After Hours, was zunächst nach Ladenschluss bzw. nach Dienstschluss meint und wörtlich „nach Stunden“ bedeutet. Im Englischen gibt es das Wort Afterhour gar nicht.

Die Afterhour, die quasi eine eigene Zeiteinheit beschreibt, die die ungern enden wollende Party nach der Party meint und ganze Generationen elektronischer Tanzmusik geprägt hat, ist zudem eklatanter Teil des hedonistischen Partystils der Hauptstadt. Historisch, im Sinne der Kulturgeschichte, geht der Begriff wie die Verankerung einer eigenen Zeiteinheit, zumindest in Deutschland, auf den Club Walfisch in Berlin zurück. Was Anfang der 90er in den Räumen im oberhalb des U-Bahnhofs Heinrich-Heine-Straße körpersprachlich wie konzeptuell neue Welten öffnete, lebt gewissermaßen noch heute im Sage Club und im Kit-Kat weiter.

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